Erfolgsmodell ambulant betreute Wohngemeinschaften

09. März 2021

 

Die Stuttgarter Wohnstätten führen mittlerweile alle Wohngruppen nach
dem Konzept der ambulant betreuten Wohngemeinschaften. Das stationäre Wohnen hat ausgedient.

 

Das hat sich geändert

Und was ist jetzt anders? Ist das nicht nur ein neues Etikett für den gleichen Inhalt? Nein, denn durch die Umstellung hat sich Wesentliches Und was ist jetzt anders? Ist das nicht nur ein neues Etikett für den gleichen Inhalt? Nein, denn durch die Umstellung hat sich Wesentliches geändert:

  • Aus Wohngruppen mit 12 Personen wurden Wohngemeinschaften von 6 – 8 Personen
  • Die Wohnkunden können jetzt mehrere Leistungen parallel beanspruchen: Leistungen zur Grundsicherung, Leistungen zur Teilhabe und Leistungen zur Pflege.
  • Aus Bewohnerinnen und Bewohnern wurden  Mieterinnen und Mieter mit eigenem Mietvertrag
  • Sie verwalten ihr Budget selbst (oder mit Hilfe der gesetzl. Betreuungsperson)
  • Die Wohnkunden können Alltagsdinge selbst entscheiden: Wo gehen wir einkaufen? Essen wir gemeinsam oder alleine? Was mache ich in meiner Freizeit?

Das Konzept der ambulant betreuen Wohn-gemeinschaften (ABWG) erfordert außerdem eine Veränderung der Einstellung: Weg vom„ich-weiß-schon-was-gut-für-dich-ist“ hin zum „ich helfe dir, Entscheidungen treffen zukönnen“. Die Fachkräfte schlüpfen in die Rolle der Assistenz. Sie betreiben akribische Forschung, wie sie den Mieterinnen und Mietern helfenkönnen, ihre Bedürfnisse zu formulieren.Bilder sind dabei sehr hilfreich und so entstanden viele Mappen mit Fotos, die Auswählen und Antworten einfacher machen. Andere benutzen technische Hilfsmittel wie zum Beispiel einen Delta-Talker.

 

Chancen und Herausforderungen

Die positiven Erfahrungen aus den ersten ABWG ermutigten dazu, dieses Modell konsequent weiterzuverfolgen. Die Regelungen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG), welche später folgten, bestätigen diese Linie und unterstützen dasKonzept von mehr Selbstbestimmung und Teilhabe. „Wir haben in diesen gesetzlichenÄnderungen eine große Chance für unsere Wohnkundinnen und Wohnkunden gesehen, noch besser auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen“, berichtet Holger Brambach,Fachbereichsleiter Wohnen. „Doch es war eine große Herausforderung für alle Beteiligten – die Angehörigen, die Fachleute in der Betreuung, in der Verwaltung und natürlich für die Menschen mit Behinderung. Es war viel Überzeugungsarbeit notwendig.“

Neben den baulichen Änderungen – jede Wohngemeinschaft braucht z. B. ihre eigene Küche – mussten viele Anträge gestellt werden. Von den Stuttgarter Wohnstätten als Anbieter und den Wohnkunden als Leistungsnehmer. Da waren die Angehörigen als gesetzliche Vertretungen besonders gefordert. „Die Lebenshilfe hat uns dabei sehr gut unterstützt“, erzählt das Ehepaar von Grabowiecki, deren Tochter Sandra im Irene-Farenholtz-Haus in Sonnenberg lebt.

 

Das Ergebnis zählt

Das Ergebnis? „Die ambulant betreuten Wohngemeinschaften sind ein Erfolgsmodell!“ steht für Holger Brambach zweifelsfrei fest. Als Beweis berichtet er von einem Wohnkunden, der dem Fachbereichsleiter bei einem unangekündigten Besuch sagt, „nein, heute möchte ich keinen Besuch, bitte melden Sie sich beim nächsten Mal vorher an,“ und diesen vor der Tür stehen lässt. „Da habe ich mich sehr gefreut,  denn das ist genau das was wir erreichen wollten“ erzählt Brambach lachend. Eine Wohnkundin hat ihm stolz ihren eigenen Mietvertrag präsentiert -vorher hätte niemand gedacht, dass sie davon überhaupt Notiz nimmt, geschweige denn,dem eine Bedeutung zumisst.

Auch die Angehörigen zeigen sich nach anfänglicher Skepsis sehr zufrieden: „Unsere Tochter ist selbständiger und selbstbewusster geworden“, erzählt Anne-Rose Eckstein, deren Tochter im Irene-Farenholtz-Haus lebt. „Es ist immer jemand da, wenn Unterstützung gebraucht wird. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Missverständnisse untereinander geklärt werden müssen.“

„Unsere Tochter sagt, wenn sie sich nach einem Besuch bei uns wieder verabschiedet: ´Ich gehe jetzt nach Hause´. Das zeigt uns, dass sie in der Wohngemeinschaft wirklich angekommen ist und sich dort wohlfühlt“ berichtet Familie von Grabowiecki.

Natürlich war die Umstellung nicht für jede und jeden gleich einfach. Wer schon Jahrzehnte im Modell der stationären Wohngruppen gelebt hat, tut sich schwerer, als junge Leute, die direkt aus dem Elternhaus kommen. Doch bei allen lässt sich feststellen: Die Wohnkunden werden deutlich selbstbewusster und drücken aus, was sie möchten. Die kleinen Wohngemeinschaften erleichtern das Zusammenleben und reduzieren den Stress. Selbst entscheiden zu dürfen, muss zwar erst gelernt werden, macht dann aber selbstbewusster und zufriedener.