{"id":21298,"date":"2026-07-01T12:20:48","date_gmt":"2026-07-01T10:20:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lebenshilfe-stuttgart.de\/?p=21298"},"modified":"2026-07-02T14:42:03","modified_gmt":"2026-07-02T12:42:03","slug":"ich-moechte-selbst-entscheiden-wie-ich-lebe-40-jahre-ambulant-begleitetes-wohnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lebenshilfe-stuttgart.de\/de_leicht\/ich-moechte-selbst-entscheiden-wie-ich-lebe-40-jahre-ambulant-begleitetes-wohnen\/","title":{"rendered":"&#8220;Ich m\u00f6chte selbst entscheiden, wie ich lebe&#8221; &#8211;      40 Jahre ambulant begleitetes Wohnen"},"content":{"rendered":"<p><sub>Foto: Marion Richter (links) und Theresa Reinfelder im Gespr\u00e4ch<\/sub><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie aus einem Experiment ein Erfolgsmodell f\u00fcr selbstbestimmtes Leben wurde<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein eigenst\u00e4ndiges Leben f\u00fchren, in der eigenen Wohnung wohnen und allt\u00e4gliche Entscheidungen selbst treffen \u2013 \u00fcber Haushalt, Einkauf oder Freizeit. Nicht pauschalen Regeln unterworfen sein, sondern Unterst\u00fctzung genau dort erhalten, wo sie gebraucht wird. Was heute als selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil der Eingliederungshilfe gilt, war vor 40 Jahren eine mutige Idee: das ambulant begleitete Wohnen (ABW).<\/p>\n\n\n\n<p>Marion Richter ist seit 27 Jahren Teilnehmerin des ambulant begleiteten Wohnens der Lebenshilfe Stuttgart. Die heute 64\u2011j\u00e4hrige f\u00fchlt sich in ihrer eigenen Wohnung in Stuttgart\u2011Zuffenhausen wohl, denn Ihre Selbstst\u00e4ndigkeit ist ihr sehr wichtig. Sie erledigt viele Eink\u00e4ufe selbst, putzt, w\u00e4scht und gestaltet ihren Alltag aktiv. Als Rentnerin wei\u00df sie ihre Zeit gut zu nutzen, ist zum Beispiel ehrenamtlich als Stadtf\u00fchrerin t\u00e4tig. Sie nimmt Angebote in ihrem Umfeld wahr, besucht unter anderem eine Seniorengruppe, wo sie auch essen kann. Marion Richter sch\u00e4tzt die Flexibilit\u00e4t und die M\u00f6glichkeit, selbst zu entscheiden: \u201eWenn ich in der Seniorengruppe keine Lust mehr habe, dann gehe ich einfach. Und besuche zum Beispiel meine Mutter im Altersheim.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrer direkten Nachbarschaft befinden sich Wohngemeinschaften, die eine engere Betreuung anbieten. Dort besucht sie manchmal ehemalige Kolleginnen und Kollegen. F\u00fcr Richter ist der Unterschied zum ABW deutlich sp\u00fcrbar: \u201eIn Wohngemeinschaften nerven die Regeln und auf Dauer ist es f\u00fcr  mich langweilig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Selbstst\u00e4ndig \u2013 und dennoch gut begleitet<\/h2>\n\n\n\n<p>So eigenst\u00e4ndig Marion Richter. lebt, ganz ohne Unterst\u00fctzung geht es f\u00fcr sie nicht: \u201eIch brauche jemanden, der mit mir zum Arzt geht, damit ich verstehe, was gesagt wird. Oder der mit mir die Post anschaut und Antr\u00e4ge ausf\u00fcllt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Assistenz erh\u00e4lt sie durch Theresa Reinfelder, einer Mitarbeiterin der Lebenshilfe Stuttgart. Reinfelder unterst\u00fctzt insgesamt vier Menschen im ambulant begleiteten Wohnen. Zu Richter kommt sie zwei bis drei Stunden pro Woche. Art und Umfang der Begleitung werden individuell im Teilhabeplan festgelegt und mit dem Sozialamt der Stadt Stuttgart vereinbart. Ma\u00dfgeblich dabei ist \u201ewof\u00fcr die jeweiligen Wohnkunden Assistenz m\u00f6chten\u201c, erkl\u00e4rt Reinfelder. \u201eDas ist individuell sehr verschieden und h\u00e4ngt auch davon ab, ob es im Umfeld noch weitere Akteure \u2013 Angeh\u00f6rige, gesetzliche Betreuungspersonen &#8211; gibt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p><em>\u201eGeschichten wie die von Marion Richter machen deutlich, worum es uns geht: Um Freiheit, um W\u00fcrde und um das Recht, den eigenen Alltag selbst zu gestalten. Ambulant begleitetes Wohnen gibt Menschen mit Behinderung genau diese Freiheit \u2013 mit der Sicherheit, nicht allein gelassen zu werden.\u201c <\/em><\/p><cite>Holger Brambach <br>Fachbereichsleiter Wohnen der Lebenshilfe Stuttgart<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein mutiger Anfang in den 1980er Jahren<\/h2>\n\n\n\n<p>Als die Lebenshilfe Stuttgart das ambulant begleitete Wohnen Mitte der 1980er\u2011Jahre erprobte, war dies alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Damals dominierten gro\u00dfe Wohngemeinschaften mit festen Strukturen und starren Regeln. Wenig konnte individuell gestaltet werden, meistens galten f\u00fcr alle in der Gruppe dieselben Regelungen. Mit diesem engen Rahmen kamen allerdings nicht alle Menschen mit Behinderung gut zurecht. Es war deutlich zu sp\u00fcren, dass manche mehr Freiheiten brauchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1986 wagte die Lebenshilfe Stuttgart deshalb einen Versuch. W\u00e4hrend der Betriebsferien der Werkst\u00e4tten standen Wohnpl\u00e4tze leer, da die Bewohnerinnen und Bewohner ihre Familien besuchten. Diese Zeit nutzte der Verein, um drei Personen in einer Wohnst\u00e4tte ohne Rund\u2011um\u2011die\u2011Uhr\u2011Betreuung wohnen zu lassen. Die zentrale Frage: K\u00f6nnen Menschen mit Behinderung mit weniger Unterst\u00fctzung selbstst\u00e4ndig leben?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Experiment verlief \u00fcberraschend positiv. Die Menschen bew\u00e4ltigten die Herausforderung und \u00fcbernahmen Verantwortung \u2013 mit ambulanter Begleitung statt permanenter Pr\u00e4senz. Bereits kurze Zeit sp\u00e4ter zog der erste Wohnkunde in eine eigene Wohnung, ein Jahr darauf folgte eine kleine Wohngemeinschaft mit zwei Damen. Die neue Wohnform erhielt den Namen SeWomaB \u2013 Selbst\u00e4ndiges Wohnen mit ambulanter Betreuung.<\/p>\n\n\n\n<p>1989 stellte das Sozialamt der Stadt Stuttgart dieses Modell der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft als beispielhaft vor. Die Lebenshilfe Stuttgart \u00fcbernahm damit fr\u00fch eine Vorreiterrolle in der Behindertenhilfe.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hoher Bedarf, knapper Wohnraum<\/h2>\n\n\n\n<p>Heute begleitet ein neunk\u00f6pfiges Team der Lebenshilfe Stuttgart 45 Menschen im ambulant begleiteten Wohnen. Fast ebenso viele stehen auf einer Warteliste. Der gr\u00f6\u00dfte Engpass ist nicht die Unterst\u00fctzung, sondern nach wie vor bezahlbarer Wohnraum in Stuttgart.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiger Meilenstein f\u00fcr das ambulant betreute Wohnen war das Ingeborg\u2011Grunert\u2011Haus in Stuttgart\u2011Obert\u00fcrkheim. Vor 20 Jahren kam der Lebenshilfe Stuttgart durch eine Erbschaft diese Immobile zu. Hier entstanden sechs Wohnpl\u00e4tze, die ebenfalls ambulant begleitet werden. Mit diesem Haus beteiligte sich die Lebenshilfe Stuttgart zudem erfolgreich am st\u00e4dtischen Modellprojekt \u201eFlexible Wohnformen\u201c, das Menschen mit h\u00f6herem Unterst\u00fctzungsbedarf schrittweise an selbstst\u00e4ndiges Wohnen heranf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p><em>\u201eDer gro\u00dfe Zuspruch zum ambulant begleiteten Wohnen zeigt, wie hoch der Bedarf ist. Unser gr\u00f6\u00dftes Hindernis ist derzeit nicht die Assistenz, sondern der fehlende bezahlbare Wohnraum. Hier braucht es gemeinsame L\u00f6sungen von Politik, Verwaltung und Gesellschaft.\u201c <\/em><\/p><cite><em>Holger Brambach <\/em><br><em>Fachbereichsleiter Wohnen der Lebenshilfe Stuttgart<\/em><\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Selbstbestimmung lohnt sich \u2013 f\u00fcr alle<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Wohnkunden und Wohnkundinnen werden durch die \u00dcbernahme von mehr Verantwortung selbst\u00e4ndiger, vier Jahrzehnte Erfahrung mit ambulanter Wohnbegleitung zeigen das deutlich. Sie werden in die Lage versetzt, sich selbst zu helfen, erleben dadurch Selbstwirksamkeit und st\u00e4rken ihr Selbstvertrauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Assistenz durch das ambulant begleitete Wohnen ist eine Leistung der Eingliederungshilfe &#8211; und ein zentraler Baustein f\u00fcr gesellschaftliche Teilhabe. In Zeiten, in denen \u00fcber Sparma\u00dfnahmen diskutiert wird, geraten solche Angebote unter Druck. F\u00fcr Marion Richter. ist klar: \u201eOhne die Assistenz m\u00fcsste ich in einem Wohnheim leben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei zeigt das ambulant begleitete Wohnen eindr\u00fccklich: Selbstbestimmung, Teilhabe und Lebensqualit\u00e4t lassen sich mit wirtschaftlicher Vernunft verbinden. Ambulante Unterst\u00fctzung kann auch sehr gut auf individuelle bzw. sich \u00e4ndernde Lebensumst\u00e4nde angepasst werden und erm\u00f6glicht so m\u00f6glichst passgenaue L\u00f6sungen<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 40 Jahren ist das ambulant begleitete Wohnen bei der Lebenshilfe Stuttgart l\u00e4ngst kein Experiment mehr. Es ist ein Erfolgsmodell f\u00fcr ein inklusives Zusammenleben mitten in der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischenzeitlich wurde das Modell \u201eambulante Betreuung\u201c auf alle Wohnangebote der Stuttgarter Wohnst\u00e4tten der Lebenshilfe \u00fcbertragen. Aus ehemals station\u00e4ren Wohnangeboten wurden ambulant betreute Wohngemeinschaften. So k\u00f6nnen alle Vorteile einer ambulanten Betreuung auch f\u00fcr Menschen mit h\u00f6herem Hilfebedarf angeboten werden. Die Lebenshilfe Stuttgart unterstreicht damit ihre Vorreiterrolle zum selbstbestimmten Leben von Menschen mit Behinderungen nachhaltig.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table is-style-stripes\"><table class=\"has-fixed-layout\"><tbody><tr><td>INFO-BLOCK: <strong>Ambulante Wohnformen<\/strong> <br><br>Die aktuelle Bezeichnung f\u00fcr ambulante Wohnformen lautet &#8220;Ambulantes Wohnen im Sozialraum&#8221; , oder kurz AWS. Die Lebenshilfe Stuttgart bietet Wohnm\u00f6glichkeiten sowohl in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft (ABWG), als auch f\u00fcr Einzelpersonen oder Paare.<br><br>Fachkr\u00e4fte der Lebenshilfe leisten die notwendigen Assistenzleistungen. Diese werden \u00fcber einen Teilhabe-Plan definiert, wobei die Interessen der Wohnkunden und Wohnkundinnen im Vordergrund stehen. &#8220;Was m\u00f6chte ich lernen?&#8221;, &#8220;was m\u00f6chte ich nicht lernen&#8221; sind dabei die ma\u00dfgebenden Fragen. <br><br>Selbstbestimmung hat einen gro\u00dfen Stellenwert. Die Aufgabe der Fachkr\u00e4fte ist es, zu beraten, zu begleiten, verschiedene Wege aufzuzeigen und die Folgen einer Entscheidung deutlich zu machen. <br><br><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foto: Marion Richter (links) und Theresa Reinfelder im Gespr\u00e4ch Wie aus einem Experiment ein Erfolgsmodell f\u00fcr selbstbestimmtes Leben wurde Ein eigenst\u00e4ndiges Leben f\u00fchren, in der eigenen Wohnung wohnen und allt\u00e4gliche Entscheidungen selbst treffen \u2013 \u00fcber Haushalt, Einkauf oder Freizeit. 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